Leitsätze für ein glückliches Leben

(Das lateinische «desideratum» bedeutet «gewünscht»)

 

Der folgende Text ist unter dem Namen Desiderata bekannt geworden. Es gibt viele verschiedene Abwandlungen davon. Die hier veröffentlichte schlichte Version habe ich vor langer Zeit als «Grussbotschaft mit tieferem Sinn» erhalten. Sie bringt die Botschaft ohne Ballast und klar verständlich auf den Punkt.

Als Quelle dieser Schrift wird oft die Kirche Old St. Paul´s in Baltimore genannt, wo sie als Wandinschrift aus dem Jahre 1692 gefunden worden sei. Nachforschungen haben aber ergeben, dass das nicht stimmen kann. Desiderata muss in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Max Ehrmann geschrieben worden sein. Dieser Sachverhalt tut dem «Werk» aber keinen Abbruch. Es ist keineswegs so, dass nur geistreich sein kann, was sehr alt ist.

Man kann Desiderata durchaus als eine Art Lebensphilosophie bezeichnen. Leitsätze dieser Art können stabile Grundsteine für ein Leben in Glück und Erfüllung abseits von Habgier, Macht und Dogmatismus sein. Wer diesen zeitlosen Lebensweisheiten dem Geiste nach folgen kann, dem bieten sie auch im Wandel der Zeiten festen Boden und eine wertvolle Stütze.

 

Faksimile Desiderata

 

Ich habe dieses sinnige Dokument aufbereitet und stelle es hier als Download bereit. Damit ein passender Rahmen leichter gefunden werden kann, habe ich 2 verbreitete Formate bereitgestellt.


Format: 297 x 210 mm (A4)




Format: 240 x 180 mm (A4 mit verkleinertem Layout und Schneidemarkierungen)



 

Die Entstehungsgeschichte der Schrift

Fälschlicherweise wird an vielen Stellen immer noch behauptet, der Text stamme aus dem Jahre 1692 und wäre als Wandinschrift in der Kirche Old St. Paul´s in Baltimore gefunden worden. Dass dies nicht die Wahrheit sein kann, zeigen zwei einleuchtende Tatsachen:

Die Gemeinde St. Paul wurde 1692 gegründet, und mit dem Bau einer einfachen Kirche aus Holz wurde erst im darauf folgenden Jahr begonnen.

Auch Stil und Wortwahl des Textes sagen dem Kenner englischer Literatur, dass er unmöglich aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen kann.

Die meisten Reproduktionen geben als Herkunftsangabe „Gefunden in der Alten St. Pauls Kirche, Baltimore, 1692“ an. Der Text stammt jedoch nicht aus dem siebzehnten, sondern aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wie genau dieser Irrtum in die Welt gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, aber man nimmt an, dass es sich so zugetragen hat:

Pfarrer Frederick Ward Kates war von 1956 bis 1961 Pfarrer in der Gemeinde Old St. Paul´s in Baltimore. Er war früher bei einer Zeitung tätig, und liebte den Umgang mit Texten immer noch. Besonders gerne sammelte er inspirierende Essays, Gedichte und Zitate. Von Zeit zu Zeit, besonders zur Fastenzeit, stellte er diese gesammelten Texte in kleinen Broschüren zusammen, die er vervielfältigen und binden liess. Diese Anthologien legte er für die Besucher der Gemeinde zur kostenlosen Mitnahme auf den Kirchenbänken aus.

Wahrscheinlich im Jahre 1956 war darin auch der Text namens Desiderata enthalten. Einem Besucher der Gemeinde muss dieser Text so gut gefallen haben, dass er ihn später reproduzieren liess. Die Besonderheit liegt nun im Detail: Desiderata war offensichtlich auf die Titelseite der Broschüre gedruckt worden, denn auf dieser wurde auch immer der Name der Gemeinde und ihr Gründungsdatum angegeben, eben das bekannte «Old Saint Paul´s Church, Baltimore, 1692».

Beim Anfertigen der Kopien wurde dies nun wohl fälschlicherweise als Autorenangabe missverstanden, und dieser Fehler hat sich bis heute in der ganzen Welt verbreitet. Auch der Name Desiderata stammt nicht vom ursprünglichen Autor.

Wer aber ist der wahre Autor? Auch das konnte geklärt werden: Es ist ein früherer Rechtsanwalt aus Terre Haute, Indiana, namens Max Ehrmann. Ehrmann wurde 1872 geboren, trat 1894 in die Harvards School of Philosophy ein und studierte dort Philosophie und Recht. Er schrieb sechs Bücher innerhalb von zehn Jahren, bevor ihm klar wurde, dass er davon nicht leben konnte, und eine Laufbahn als Rechtsanwalt einschlug. Er brachte es bis zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt, bevor er 1945 starb. Desiderata wurde erst drei Jahre nach seinem Tode veröffentlicht, und zwar in einer Anthologie seiner Gedichte, die von seiner Witwe herausgegeben wurde, und noch heute bei der Bruce Humphries Publishing Company in Boston für 4,50 Dollar erhältlich ist.

Auch die Geschichte des Copyrights an Desiderata ist fast einen eigenen Film wert: Nach dem Tode Max Ehrmanns ging das Copyright (Nr. 962402) zunächst auf seine Witwe über, die es 1954 noch einmal erneuern liess, bevor es nach ihrem Tode im Jahr 1962 auf ihren Neffen, Richmond Wright, überging. Dieser verkaufte die Veröffentlichungsrechte (nicht das Copyright) an den Bruce Humphries (an anderer Stelle auch: Crescendo-) Verlag, dessen Leiter damals Robert L. Bell war. Der Verlag litt unter starker Geldnot, und schuldete Mr. Bell 16.000 Dollar an Gehalt, was diesen in eine missliche Lage brachte, da er eine Frau und vier Söhne versorgen musste, von denen einer studierte. Er willigte ein, die Veröffentlichungsrechte an Desiderata gegen seine Schuldscheine einzutauschen. Danach kratzte er alles Geld zusammen, das er bekommen konnte, und kaufte Richmond Wright auch das Copyright an Desiderata ab.