Null-Toleranz für Milchkühe

Die Hanf-Hysterie nimmt immer groteskere Formen an.

 

Eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit wird von Wissenschaft und Politik mit fadenscheinigen Argumenten auf ihren Drogenwert reduziert und auf breiter Front kriminalisiert.

Die eidgenössische Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft hat bereits im Jahr 2004 beim Bundesrat ein Verbot von Futterhanf für die Tierfütterung erwirkt. Hier wird aufgezeigt, mit welch dilettantischen Methoden die Agroscope-Forscher Poltitik und Öffentlichkeit manipulieren. Eine Handvoll notorischer Kiffer hat die Herren Wissenschaftler in den roten Bereich laufen lassen. Das Bundesamt für Gesundheit, BAG, kauft ihnen ihre lauwarmen Geschichten wider besseren Wissens und völlig realitätsblind ab.

Seit dem 1. März 2005 darf in den Futtertrögen von Milchkühen, Ziegen oder Schafen kein Hanf mehr liegen. Grund für das Verbot ist die haltlose Behauptung, im sogenannten Bauernhanf, der seit Generationen auch in der Schweiz angebaut wird, gäbe es nennenswerte Rückstände des berauschenden Wirkstoffes THC, die unsere Milch vergifteten.

Während in den neunziger Jahren bei uns sogar der Hinterhof-Kiff beinahe salonfähig geworden wäre, wird bezüglich Hanf seit einiger Zeit wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Dabei scheint den Kesseltreibern der Realitätssinn völlig abhanden gekommen zu sein, denn hier geht es in erster Linie um eine wertvolle landwirtschaftliche Nutzpflanze und nicht nur um Kifferkraut.

Alles, was auch nur in entferntesten an das Reizwort Hanf erinnert, wird hysterisch aufgebauscht, währenddessen die echten Gefahren, zum Beispiel Blei oder Pestizide in der Milch (BAG: Dafür gibt es Grenzwerte…) durchaus toleriert werden können. Hanf ist wieder eine böse Droge geworden, die mit wirklich schlimmen Substanzen in einen Topf geworfen wird. Man kann sich wirklich fragen, worin der Sinn dieser Tatsachenverdrehung wider besseren Wissens besteht.

Eine treibende Kraft dieser Intervention war der Agroscope-Forscher Daniel Guidon, der sich für seine Hetzkampagne auf eine höchst fragwürdige Datenbasis verliess. Einerseits wird eine nicht wissenschaftliche pakistanische Studie aus dem letzten Jahrhundert erwähnt, andererseits muss ein Versuch mit einer hochpotenten synthetischen Droge herhalten, um theoretisch zu beweisen, was in der Realität nicht sein kann.

Die Folgerungen des Wissenschaftlers sind denn auch Dilettantismus in Reinkultur. Dies ist um so bedauerlicher, als es sich bei Agroscope um die eidgenössische Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft handelt. Man fragt sich, wer ein Interesse daran haben kann, solchen Unsinn in die Welt zu setzen und aus Einzellern Elefanten zu züchten.

Die spinnen, die Bauern

Das heisst, den Bauern wär’s ja eigentlich egal, was die Viecher fressen, solange sie gesund bleiben und einwandfreie Milch produzieren, die problemlos abgesetzt werden kann. Spinnen tun da ganz andere:

Man meint, man sei im falschen Film, aber die Vorstellung ist bereits angelaufen und die Türen scheinen verriegelt. Es ist kaum zu glauben, welcher Verhältnisblödsinn diesen Schreibtischtätern noch aus dem Hirn tropft! Da pumpt man eine Kuh mit synthetischem (!) THC voll, misst danach 0.03 Milligramm (!) des Stoffes in einem Liter Milch und behauptet, Faserhanf vergifte unsere Milch.

Welch krasses Missverhältnis solche Zahlen darstellen, wird deutlich, wenn man sich beim Bundesamt für Gesundheitswesen über das für die Psychoaktivität verantwortliche THC, das Delta 9-Tetrahydrocannabinol, informiert. Das BAG nennt als Höchstkonzentration von Delta 9-Tetrahydrocannabinol in Lebensmitteln folgende Grenzwerte:

 


Lebensmittel Grenzwert
(mg THC pro kg)
Bemerkungen

Hanfsamenöl 50  
Hanfsamen 20 bezogen auf Trockenmasse
Back- und Dauerbackwaren 5 bezogen auf Trockenmasse
Spirituosen 5 mg/l, bezogen auf reinen Alkohol
Teigwaren 5 bezogen auf Trockenmasse
pflanzliche Lebensmittel 2.0 alle übrigen Lebensmittel, bezogen auf Trockenmasse
Getränke mit und ohne Alkohol, ausgenommen Spirituosen 0.2 bezogen auf trinkfertige Zubereitung
Kräuter- und Früchtetee 0.2 bezogen auf trinkfertige Zubereitung: 15 g Pflanzenteile pro kg Wasser, mit kochendem Wasser übergiessen und während 30 Minuten über 85 °C halten

 

Die Kuh, die mit reinem, synthetischem THC gefuttert wurde und die danach Milch lieferte, von der 1 Liter dem BAG-Grenzwert von 650kg Hanfsamen – die übrigens in der Naturkostküche sehr geschätzt werden – entsprechen, soll ab nun kein Hanfkraut mehr fressen dürfen. Kultur-Hanfkraut notabene, das einen verschwindend kleinen THC-Gehalt hat. Wohlgemerkt: Es ist hier immer von Faserhanf (Cannabis sativa, THC-Gehalt unter 0.3%), nie von „Drogenhanf“ (…ssp indica, THC-Gehalt über 10%) die Rede.

Um Milch zu produzieren, von der ein Liter soviel THC enthält wie ein Liter Hanfsamen-Salatöl aus dem Bioladen maximal enthalten darf, müsste die Kuh einen Magen in der Grösse eines Tennisfeldes haben und über 10 Tonnen Faserhanf fressen.

Bei genügend intensivem Suchen findet man mit modernen Analyse-Methoden in jedem Margritli irgendwelche giftigen Stoffe. Wie gedenken denn die Marketingstrategen der Milchwirtschaft zu reagieren, wenn sich die dumme Kuh auf der Alpweide verletzt und sich ihr Medikament, das möglicherweise Beinwell heisst und Pyrrolizidin-Alkoloide enthält, selber sucht oder wenn sie ein solaninhaltiges Nachtschattengewächs lecker findet und frisst? Soll man dann die Kuh schlachten, oder ist es eine vertretbare Busse, wenn der Tierbesitzer die daraus gemolkene Milch als Sondermüll unter strengsten Sicherheitsmassnahmen kostenpflichtig im Hochtemperatur-Ofen der chemischen Industrie vernichten lassen muss?

Natürlich müssen bei dieser unsäglichen Hanf-Hysterie wieder einmal unsere Kinder als Argument herhalten. Sie müssen unbedingt vor dem gefährlichen Häsch krimineller Taugenichtse und ihrer dummen Viecher geschützt werden. Anfixen wollen die unsere Kleinen nämlich, jawoll! Wahrscheinlich sitzen die echten Bösewichte unserer Zivilisation in ihren Alphütten hinter den Käsekessi und hecken dort solch verwerfliche Massenvergiftungsanschläge aus.

Mehr über die erwähnte Untersuchung der eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft, Agroscope Liebefeld-Posieux (ALP), erhalten Sie bei

www.chanvre-info.ch/info/de/article2783.html

 


 

Matthias Ninck schrieb in der NZZ am Sonntag vom 13.Februar 2005 eine lesenswerte Zusammenfassung der Geschichte.

Wundermittel oder Teufelszeug? Hanf darf nicht mehr verfüttert werden. Hanf als Futtermittel hat eine positive Wirkung auf Kühe. Das sagen Bauern, die das Kraut anbauen. Der Bund verbietet nun aber die Hanf-Fütterung aus Angst, Kinder könnten sich beim Milchtrinken berauschen.

Letztes Jahr hat er damit angefangen. Auf einer halben seiner achtzehn Hektaren Land hat Stefan Selinger, Bauer im zürcherischen Turbenthal, Hanf angebaut. Futterhanf, versteht sich. Billig, ökologisch und gar nicht geeignet für die Erzeugung von Rauschzuständen irgendwelcher Art. Und jetzt das. Das Kraut wird verboten als Futtermittel, am 26. Januar hat der Bundesrat dies beschlossen auf Vorschlag von Experten aus der Verwaltung: am 1. März tritt die Verfügung in Kraft. „Ein Verhältnisblödsinn!“, sagt Selinger. Er habe nur gute Erfahrungen gemacht: Die Kühe hätten gesündere Euter, in der Milch seien die Fett- und Eiweisswerte gestiegen, die Fruchtbarkeit sei besser als früher. „Ja, ich durfte erfahren, was für eine Wunderpflanze der Hanf ist“.

Ende, aus. In Artikel 23a der revidierten Futtermittel-Verordnung steht es unmissverständlich: „Das Departement kann die Stoffe festlegen, deren Verwendung als Futtermittel verboten ist“. Und dies tut es auch, in der dazugehörenden Futtermittel-Verordnung, im Anhang 4 unter Buchstabe m. Verboten sind: „Hanf oder Produkte davon in jeder Form und Art“. Bisher waren Anbau und Verfütterung von Hanf erlaubt, sofern er auf einer vom Bund geführten Liste fungierte, das heisst, wenn er einen sehr geringen Gehalt der psychoaktiven Substanz THC aufwies. Eine wachsende Zahl von Schweizer Bauern machte sich dies zunutze, baute Cannabis sativa für Futterzwecke an. Von diesen rund hundert Bauern stehen heute sechzig bei der Firma Sanasativa unter Vertrag. Diese stellt aus Hanf Kosmetika und Futtermittel her. Geschäftsführer ist Jean-Pierre Egger, ein 56-jähriger, sehr betriebsamer Anwalt, eine Art Wilhelm Tell des Schweizer Hanfs. Die „aggressive Werbung“ von Sanasativa war denn auch der Grund, warum die Behörden letztes Jahr in Sachen Hanffutter tätig wurden, wie das Bundesamt für Gesundheit bestätigt.

Seit Papa Hanf verfüttert

Aufgeschreckt wurde das Bundesamt durch ein Inserat, das am 3. Februar 2004 in der Westschweizer Lokalzeitung „La Broye“ erschienen und vom Freiburger Kantonsapotheker wegen „Irreführung der Konsumenten“ angeprangert worden war: Es zeigt einen Buben mit einer Milchflasche in der Hand. „Seit Papa den Kühen Hanf verfüttert“, steht darüber, „schmeckt meine Milch noch besser“.

Zusammen mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere und Milchwirtschaft in Posieux wollte das Bundesamt in der Folge die Grundlagen schaffen für ein Verbot jeglicher Hanf-Verfütterung. Und so forschten die Beamten in der Fachliteratur und fanden eine 15 Jahre alte Studie, in der ein Schüler und ein Student im Norden Pakistans „den passiven Konsum von Marihuana durch Milch“ untersucht hatten. Die Jungforscher analysierten die Milch von zehn Büffeln, die wilden Hanf gefressen hatten. In fünf Proben fanden sie Spuren eines Stoffwechselproduktes von THC – eines Stoffwechselproduktes allerdings, das überhaupt keine halluzinogene Wirkung hat. Als zweite Grundlage für das Verbot diente den Behörden ein Experiment, das die Forschungsanstalt in Posieux 1998 selber durchgeführt hatte. Einer Kuh wurden Pillen mit reinem THC verabreicht, 625 Milligramm insgesamt. „Wir fanden danach 0.03 Milligramm THC pro Liter Milch“, sagt Daniel Guidon, Leiter des Bereichs Sicherheit und Qualität in Posieux. „Das reicht, um dem Bundesrat ein Verbot vorzuschlagen“. Milch, sagt er, habe den Ruf, ein qualitativ hochstehendes Lebensmittel zu sein. THC habe darin nichts zu suchen, auch nicht in Spuren.

In Spuren ist Milch allerdings immer verunreinigt, mit Pestiziden etwa oder Blei (das Lebensmittelrecht legt die Grenzwerte fest) – warum sollte sie nun ganz und gar und hundertprozentig frei von THC sein? „Es geht um die Wahrnehmung der Leute“, sagt Guidon. „THC wird in Zusammenhang gebracht mit Kiffen“. Es gehe auch darum, ein gesundheitliches Restrisiko auszuschliessen: Würde ein Kleinkind Milch einer mit Hanf gefütterten Kuh trinken, drei bis vier Deziliter, so könnte das nach seinen Berechnungen für eine halluzinogene Wirkung reichen.

Sicher ist sicher, also. Nun gibt es auch Fachleute, die die wissenschaftlichen Grundlagen für das Hanf-Verbot etwas dünn finden. Barbara Früh, Futtermittelbeauftragte von Biosuisse, meint, für ein solches Totalverbot brauchte es mindestens einen Fütterungsversuch mit richtigen Hanfpflanzen.

Kuh ohne Doktortitel

Und dem Leiter des Instituts für Tierernährung an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, Josef Kamphues, erscheint das Pillen-Kuh-Experiment „wunderlich“. „THC ist in der Pflanze kaum vorhanden. Man muss sie erst erhitzen, bis der verfügbare Gehalt an THC entsteht“. Kamphues, der seit zwanzig Jahren bei Papageien mit Hanf experimentiert, hat bei den Tieren nie „irgendwelche Rauschzustände“ beobachtet. Der heimische Hanf sei im letzten Jahrhundert immer verfüttert worden, sagt er, an Pferde, an Rinder; dem Kraut werde vieles nachgesagt – eine beruhigende Wirkung zu haben, den Geschlechtstrieb zu stimulieren, „auch in ernsthaften Büchern“.

So wird Sanasativa-Chef Jean-Pierre Egger das Gericht anrufen. Für ein Verbot brauche es gute Gründe, sagt er, ansonsten gelte die Handels- und Gewerbefreiheit. Und Bauer Selinger? Der wird wieder Hanf säen. „Meine Kühe“, sagt er, „brauchen keinen Doktortitel, um zu wissen, was für sie gut ist“.